Mafia-Morde im Fokus der Ermittlungen
Im Krieg rivalisierender Mafiaclans wurde Duisburg im August 2007 Schauplatz eines grausamen Verbrechens. Als das „Duisburger Massaker“ beschrieb die Presse die kaltblütige Hinrichtung von sechs Menschen auf offener Straße vor einem Restaurant nahe dem Hauptbahnhof. Die Eskalation der Gewalt erregte damals ein starkes öffentliches Interesse an der Aufklärung. Nun äußert sich der Chef der Ermittlungskräfte, Holger Haufmann, erstmals öffentlich zu dem Fall.
Polizei im Fadenkreuz der Kritik
Das Übergreifen der seit 1991 schwelenden Blutfehde zweier Clans der kalabresischen ’Ndrangheta nach Deutschland entzündete kontroverse Diskussionen über die Probleme der europäischen Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität (OK). So kritisieren in der öffentlichen Debatte die deutschen Polizeigewerkschaften, allen voran der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), die deutsch-italienische Zusammenarbeit. Im Mittelpunkt der Kritik steht der angeblich mangelhafte Informationsaustausch zwischen den Behörden. Zudem vermuten die Gewerkschaften eine dem Kampf gegen den Terrorismus geschuldete Personalknappheit in diesem Bereich und fehlende Ressourcen der Polizeibehörden. Womöglich hätten die Morde verhindert werden können.
Konsequenz: deutsch-italienische Taskforce
Chefermittler Haufmann, widerspricht entschieden dem harschen Vorwurf der Gewerkschaften. „Diese Kritik ist unbegründet und ohne jegliche Kenntnisse in der Sache geäußert worden“, beklagt er. Der vorgegebene Mindeststellensockel zur Bekämpfung der OK sei nie wegen der Verlagerung von Personal in die Abteilungen der Terrorismusbekämpfung unterschritten worden. Auch der Informationenaustausch zwischen den beiden Behörden habe schon seit vielen Jahren bestanden. So wurden umfangreiche Informationen über in Deutschland lebende mögliche Angehörige der Mafia schon seit den 90ern permanent zwischen beiden Staaten ausgetauscht. Es bestehe „überhaupt keine Veranlassung zu vermuten, dass der italienischen Polizei Informationen über geplante Mordanschläge in Deutschland vorgelegen hätten. Sowohl die italienischen als auch die deutschen Beamten waren von dem Übergreifen der Fehde nach Deutschland völlig überrascht worden.“ Die zwischenstaatliche Zusammenarbeit sei im Großen und Ganzen gut, nur in Detailfragen noch verbesserungswürdig. Dennoch wurde als Reaktion auf die Morde zusätzlich eine ständige Taskforce aus deutschen und italienischen Ermittlern gebildet.
Beispielhafte Unterstützung bei Ermittlungen
Eine beispielhafte Unterstützung erfuhr der leitende Ermittler sowohl von deutscher als auch von italienischer Seite. „Ich habe in meinem beruflichen Leben noch nie so viel externe Hilfe bekommen wie zur Bearbeitung dieses Falles“, resümiert Haufmann. Italien entsendete auf eigene Initiative hin ein Team aus kalabresischen Polizeibeamten zur Unterstützung der deutschen Ermittlungen, welches bereits am Tag nach den Morden in Duisburg eintraf. Die italienischen Kollegen befruchteten die Ermittlungen vor Ort durch ihre besondere Milieukenntnis. Und der erste Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: die Zusammenarbeit der Beamten hat bereits nach wenigen Tagen zur Identifizierung des ersten Hauptverdächtigen geführt. Ebenso haben die deutschen Behörden eine große Unterstützung bei den Ermittlungen geleistet. Besonders positiv hervorzuheben sei „die gute Kommunikation, die sehr schnelle Bildung einer großen Ermittlergruppe aus über 90 Beamten und die engagierte externe Unterstützung“.
Brauchen wir ein „Europäisches FBI“?
Die Tatsache, dass die Organisierte Kriminalität grenzübergreifend operiert, verdeutlicht die Notwendigkeit nach einer intensiven zwischenstaatlichen Kooperation. In diesem Zusammenhang wurde auch über eine Umgestaltung der Europol zu einer Art „europäisches FBI“ diskutiert. „Der Weg zu einer europäischen Polizei ist noch sehr weit. Für einen Fall wie in Duisburg reichen eine eng verzahnte bilaterale Zusammenarbeit der Polizeibehörden und die Bildung von gemeinsamen Ermittlungsgruppen aus“, kommentiert Haufmann diese Diskussion. Jedoch befinden sich trotz der bisherigen Anstrengungen die Täter immer noch auf freiem Fuß. Chefermittler Haufmann ist aber überzeugt davon, dass der Hauptverdächtige Giovanni S. in Zukunft verhaftet und der zweite Schütze bald identifiziert werde. Es bleibt abzuwarten, ob dies klappt.
Autor: Peter Sikora










Videoaufzeichnung vom Tatort Mülheimer Straße in Duisburg