Dialog und Bildungsarbeit unter der Kuppel
Einen erfolgreichen Weg der Zusammenarbeit beschritten die Stadt Duisburg und ihre Marxloher Gemeinde bei dem Bau der DITIB-Merkez Moschee. Vorausgegangen war eine engagierte langjährige Integrationsarbeit, die eine gelebte Dialogkultur in Marxloh realisierte.
Das große Interesse am Projekt
Obwohl die offizielle Einweihung der zurzeit größten Moschee in Deutschland erst für Mitte 2008 geplant ist, gewinnt das Projekt bereits jetzt eine unerwartet hohe nationale und internationale Beachtung. Politiker, Privatleute und gesellschaftspolitische Gruppen aus dem gesamten Bundesgebiet aber auch aus EU-Ländern wie Frankreich, Niederlande oder Finnland kommen nach Duisburg-Marxloh, um mehr zu erfahren und zu lernen. "Schon heute gilt die Moschee mit integrierter Begegnungsstätte überregional als vorbildliches Beispiel für gelungene Integrationsarbeit", lobte der Bundesminister Wolfgang Tiefensee nach seinem Besuch der Moschee. Das Konzept könnte zu einem Musterbeispiel für kommunale und regionale Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Politikern in Europa werden.
Vorgeschichte und Konzept
Auf dem Gelände des ehemaligen Bergwerks Marxloh an der Warbruckstrasse gründeten die türkischstämmigen Arbeiter des Bergwerks die Ditib-Merkez Moschee-Gemeinde und nutzen das frühere Kantinengebäude über 20 Jahre lang als eine Moschee. In dieser Zeit ist der Wunsch gewachsen, die Baracken- und Hinterhofatmosphäre zu verlassen und einen repräsentativen Gebetsraum nach klassischem Stil mit Kuppeln, Säulen und Minarett zu bauen.
Bei der Planung des Neubaus lernten die Moscheegemeinde und die Duisburger Kommunalpolitiker jedoch aus den bisherigen Erfahrungen einer starken und öffentlich vorgetragenen Ablehnungshaltung der Bürger bei ähnlichen Vorhaben im Stadtteil Laar sowie in anderen Städten in der BRD.
Die Stadt hat deshalb in Zusammenarbeit mit der Moscheegemeinde ein Konzept erarbeitet, dessen stützende Säulen ein zivilgesellschaftlicher Dialog sowie ein in die Moschee integriertes, offenes Begegnungszentrum werden sollten. Im Sinne eines gewünschten Dialoges und der Entwicklung einer „Kultur des Miteinander“ im Stadtteil wurde von der Marxloher Gemeinde ein Beirat gegründet, der einen zivilgesellschaftlichen Dialog leitete, um Vorurteile abzubauen, Toleranz und Verständnis zu fördern. Dem Beirat gehören neben dem Bauherren und den Bürgern der Gemeinde auch Kommunalpolitiker, Wissenschaftler, Vertreter religiöser Institutionen, Sanierungsträger sowie Kaufleute an. Der Beirat wird auch dauerhaft in die Organisation der Begegnungsstätte eingebunden.
Regionale Entwicklung städtischer Krisengebiete
Als ein Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf wird Marxloh vom Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport (MSWKS) im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ gefördert. Die Stadt Duisburg hat mit der Umsetzung dieses Programms die „EG DU - Entwicklungsgesellschaft Duisburg“ als Sanierungsträger beauftragt, die das Projekt „Moschee und Begegnungsstätte“ leitet.
Gemäß der Vorgaben und Ziele des Programms Urban der EU und des Leitbildes für die Stadtteilerneuerung in Duisburg wurden Trägerstrukturen und Konzepte für die Begegnungsstätte entwickelt. Urban ist eine Gemeinschaftsinitiative des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) zur dauerhaften Entwicklung städtischer Krisengebiete in der EU. Die EU und das Land NRW fördern im Rahmen von EFRE und des Strukturfondsprogramms Ziel-2 den Bau und den Betrieb der interkulturellen Begegnungsstätte mit etwa 3,2 Mil. Euro.
Die Begegnungsstätte wird ein Bistro, ein Islamarchiv und Seminarräume umfassen sowie in Kooperation mit der Universität Duisburg-Essen Lehr- und Forschungsprojekte entwickeln. Daneben werden u.a. Bildungsangebote für Frauen und Betreuungsleistungen für ältere Menschen mit Migrationshintergrund Defiziten in der Angebotsstruktur Marxlohs entgegenwirken. Ältere Projekte, die sich großer Beliebtheit und Partizipation der Bürger erfreuten, sollen mit dem Ziel eines offenen multikulturellen Miteinander und der Bürgeraktivierung unter dem Motto „Dialog und Bildungsarbeit unter der Kuppel" weiter geführt und vertieft werden.
Zivilgesellschaftlicher Dialog
Die kulturellen und religiösen Unterschiede führen nicht selten zu einer ablehnenden Haltung vieler EU-Bürger gegenüber einer Aufnahme der muslimisch geprägten Türkei in die EU.
Sollten die Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei erfolgreich verlaufen, ist es für die Aufnahme gem. Art. 49 EUV notwendig, dass alle Mitgliedsstaaten der EU den Beitritt ratifizieren lassen, was zu einer großen Hürde für die Türkei werden könnte. Der Rat der EU beschloss die Einrichtung eines parallel zu den Beitrittsverhandlungen stattfindenden zivilgesellschaftlichen Dialoges mit allen Beitrittskandidaten und unterstrich die Notwendigkeit eines verstärkten Dialoges mit der Türkei.
Das Marxloher Beispiel offenbart das Potenzial und die Chancen eines interkulturellen und interreligiösen Dialoges in der Zivilgesellschaft und Politik, der geprägt durch ein ehrliches Entgegenkommen und getragen vom starken Einigungswillen zum Erfolg geführt hat. Ein nachhaltiges Symbol des Prozesses der Annäherung demonstriert eine Skulptur des zivilgesellschaftlichen Dialoges in der Nähe der Moschee, die von einer christlich-muslimischen Frauengruppe und einem türkischstämmigen Künstler entworfen wurde.
Peter Sikora









