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„Thyssen bricht alle Rekorde“

Thyssen-Werk in Duisburg

So oder ähnlich lauteten im Herbst 2007 mal wieder die Schlagzeilen vieler deutscher Zeitungen anlässlich der Veröffentlichung der neuen Geschäftszahlen des Duisburger Stahlkonzerns. Zum vierten Mal in Folge konnte das Unternehmen im Jahr 2007, das seit der Fusion mit Krupp unter dem Namen ThyssenKrupp die beiden deutschen Stahlgiganten unter einem Dach vereint, einen Umsatzrekord verbuchen. Nach den Stahlkrisen der 80er Jahre haben sich auch die Mitarbeiterzahlen positiv entwickelt: Über 190000 Menschen arbeiten, angetrieben von der boomenden Stahlkonjunktur, für den Stahlkonzern. Knapp die Hälfte davon arbeitet in Deutschland - Duisburg gehört darunter zu den belegschaftsstärksten Standorten.

 

Für ThyssenKrupp sind die Mitgliedsländer der Europäischen Union der wichtigste Auslandsmarkt des Konzerns. Über die Hälfte des Umsatzes werden in der EU erzielt, das gesamte Produkt- und Leistungsspektrum von ThyssenKrupp wird auf dem europäischen Markt angeboten und hergestellt.

 

Vier mal Freiheit

Ohne die Europäische Union wäre diese Erfolgsgeschichte kaum möglich gewesen. Der freie Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital - die vier Grundfreiheiten der EU - machten die Expansion in das europäische Ausland auch für ein Großunternehmen wie ThyssenKrupp einfacher. Am meisten profitiert der Stahlhersteller vom freien Warenverkehr. Die Beseitigung bürokratischer Vorgänge und Zölle an den Grenzen hat die Lieferzeiten und somit die Kosten, für das Unternehmen deutlich reduziert. Vor dem Abbau der der Grenzkontrollen fielen alleine für ThyssenKrupp durch das Besteuerungssystem pro Jahr 60 Millionen Zollabfertigungspapiere an. Heute ist ThyssenKrupp um 60 Million Zollabfertigungspapiere innerhalb der EU erleichtert.

 

Entgegen vieler Vorwürfe über europäische Regelungswut tragen die oftmals gescholtenen Brüsseler Eurokraten in vielen Fällen durch Richtlinien zum Bürokratieabbau bei. Früher galt: Andere Länder, andere Gesetze. Jedes Land hatte seine eigene Vorstellung darüber, wie etwa Umweltschutz zu organisieren ist. Heute werden durch Europa bestimmte Rahmenbedingungen in Richtlinien vorgegeben. Das bedeutet, dass im Grundsatz in allen EU-Ländern die gleichen rechtlichen Regelungen gelten, was Planungssicherheit für Unternehmen bedeutet. Hiervon profitieren auch die stark exportabhängigen Stahlhersteller aus Deutschland.

 

Chinesischer Stahl zu Dumpingpreisen?

Die EU hilft dem Duisburger Stahlgiganten aber nicht nur durch Öffnung der Märkte. Gegen Billigstahl aus China, die mit staatlich subventionierten Dumpingpreisen den europäischen Markt überfluten, prüft die Kommission vorzugehen. Zwar will man den asiatischen Herstellern nicht den Zugang zum europäischen Markt verwehren, „Wenn unsere Wettbewerber aber zu unfairen Handelspraktiken greifen, sollten sie wissen, dass wir unsere Verteidigungsinstrumente nutzen werden", so der deutsche EU-Industriekommissar Günter Verheugen. Notfalls erwägt man die Wiedereinführung von Schutzzöllen. Als der größte Binnenmarkt der Welt für Stahl erreichen die Europäer zusammen gemeinsam mehr, als wenn sie versuchen würden einzeln gegen die asiatischen Hersteller vorzugehen.

 

„Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt“

So der Stoßseufzer von Jacques Delors, ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission und Vater des Projekts, Mitte der 80er Jahre. Sicherlich, der Sex-Appeal, des von vielen Unionsbürgern als technokratisch empfundenen Binnenmarktprojekts, ist immer noch gering. Trotzdem: Die Erfolgsgeschichte der EU ist eng mit dem Erfolg des Binnenmarktes verknüpft. Er hat den EU-Bürgern und Unternehmen beträchtliche Vorteile verschafft. 

 

Der europäische Binnenmarkt war mit einer der Gründe, dass sich der Duisburger Stahlkonzern nach den schweren Krisen der 80er nachhaltig erholen konnte. Die gute Verfassung der deutschen und europäischen Stahlindustrie trägt auch zur globalen Wettbewerbsfähigkeit einer Vielzahl von anderen deutschen Wirtschaftsbranchen bei. Metall ist ein wichtiger Grundstoff für den Maschinenbau und die Automobilindustrie, Branchen, die in Deutschland eine große Zahl von Mitarbeitern beschäftigen und auch eine leistungsfähige europäische Stahlindustrie angewiesen sind.

 

David Goertz & Stefan Vorderstraße